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Bildgewinnung

Ausschnitt aus dem Alltag eines Menschen: Eine nachdenkliche Frau schiebt ihren Einkaufswagen durch einen Gartenmarkt. Sie ist allein in der großen Halle. Für den Betrachter ist der Ort (scheinbar) sofort entzifferbar. Ein Gartenmarkt, ob nun innerhalb eines Baumarktes angesiedelt oder solo auftretend, weist ein stereotypes, wieder erkennbares Aussehen auf. Ob die Frau nun Blumen, Erde, Töpfe kauft oder nur zum Tierfutter weitereilt, das bleibt genauso unklar, wie ihr tatsächlicher Aufenthaltsort. Sinnreich fasst der Maler Martin Kreim in seinen Bildern eines der Probleme unserer Zeit: Ob nun hier, im Supermarkt, hinter gläsernen Fassaden oder Rolltreppenbewehrten Innenräumen – das Aussehen von Zweckbauten in unseren mitteleuropäischen Stadtlandschaften wird immer schematischer. Orte und Örtlichkeiten austauschbar. Pragmatisch auf Nutzung und vor allem an den Kosten ausgerichtet, ist der Mensch kaum noch das Maß der Dinge. Es erstaunt daher nicht, dass auch die Bildfiguren fast immer einen starken Selbstbezug zeigen, unfähig sich nach außen, an andere zu richten. Es ist eine schweigsame Welt, eine formale, mit zunehmender Stille, aber auch Entrücktheit.

Geboren wurde der Maler Martin Kreim in Kladno. Damals lag die Stadt noch in der CˇSSR, seit der politischen Wende gehört sie zur Tschechischen Republik. 1987 zog der 24jährige nach Leipzig um. Seine künstlerische Ausbildung konnte er 1994 bis 1995 mit einem Gaststudium im Fach Malerei an der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, in Halle an der Saale beginnen. Im Anschluss erhielt er die Zulassung für das Malereistudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Das Fachstudium absolvierte er in der Klasse von Professor Sighard Gille. 2001 folgte der erfolgreiche Abschluss. Seither freischaffend arbeitend, belegen Förderungen und Ausstellungen die Anerkennung seiner künstlerischen Entwicklung. Er ist ein der Gegenwart verpflichteter Maler, stammend aus einer mitteleuropäischen, aber östlicher geprägten Kultur, lebend und wirkend in Deutschland, im Heute einer modernen Gesellschaft. Vielleicht machen ihn die kulturellen Unterschiede, die er zwischen dem Vaterland und der neuen Heimat erfährt - beginnend bei der Sprache, der Schrift, der Musik, Landschaften und der Temperamente - empfänglich für Bilder vor und hinter scheinbar alltäglichen Oberflächen.

Martin Kreim ist ein neugieriger Maler. Und das bedeutet, dass er immer wieder neue Bildthemen sucht, Situationen – wie jene im Baumarkt – nur zwei, drei Mal durchspielt. Dann sucht er neue inhaltliche und malerische Herausforderungen. Dies geschieht nicht ohne Vorbereitung und Ziel. Er beobachtet Orte und Menschen, skizziert und fotografiert. Wenn es sein muss, reicht die Handykamera für rasche Fotonotizen. Skizzen und Erinnerungen weisen ihm den Weg für seine Kompositionen. Dabei erfasst Martin Kreim in spielerischen Abstraktionen Neuformulierungen von Raumsituationen. Ein Bild gewinnen heißt für ihn nicht, zu reproduzieren, sondern Räume und deren Anordnungen neu zu konstruieren, immer wieder aus anderen Blickwinkeln auf die Welt zu schauen. Die Durchdringungen, die seine Räume erfahren, die Schichtungen von innen nach außen, die Spiegelungen folgen scheinbar logischen Anordnungen. Oberflächen und Fassaden ziehen die Blicke auf sich, durch gläserne Wände hindurch, auf widerspiegelnde Flächen oder hinein? Beim näheren Hinschauen präsentiert der Maler Vexierbilder.

Dort, wo Menschen in den Gemälden auftauchen, fällt zunächst deren Vereinzelung auf, die selbstvergessenen Gesten und die Blicke, die überallhin führen, aber niemals zu den Partnern im Raum. Die Figurengruppen sind meist in belanglosen Räumen positioniert. Die Konstellationen lösen Befremdlichkeit aus. Der Betrachter spürt, dass keine Geschichten erzählt werden, allenfalls Fragmente solcher. Und das ist ganz im Sinne des Künstlers. Denn genauso wenig wie er die Handlungsweisen seiner Figuren schlüssig erklärt, malt er tatsächlich lebende Personen. Seine „Bildhelden“ sind Statisten auf der wirklich-unwirklichen Bühne des Lebens. Wir beobachten das Geschehen, wie aus dem Blickwinkel einer Überwachungskamera oder als vollkommen ignorierte Mitgänger. Wir bewegen uns genauso anonym im Gartenmarkt, wie die junge Frau. Oder?

Das Spiel von Licht und Schatten, die starken und abgestimmten Farbklänge, sind ebenso wie die gegenständlich-realistische Haltung charakteristisch für die Malerei von Martin Kreim. Als Credo könnte man ihm ins Atelier schreiben: „Raum = konsequent einen Ort bauen.“

Christine Dorothea Hölzig
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