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Dipl.-Phil./Kunsthistoriker
Herbert Schönemann, Erfurt, November 2003 |
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zum Katalog "Schöne Aussichten" |
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Die Sinnsuche des Malers
Im Gespinst der Zeitgesellschaft verirrt sich der Mensch unaufhaltsam und folgerichtig und lässt sich von vorgegebenen Programmen leiten, sucht im Überangebot undurchschaubarer Komsumwelten nach dem lustvollen Mitgewinn und verwehrt sich jeglichen Gegenentwurfs, um in der Beliebigkeit des Seins zu verschweben oder wachsam für den Gewinn zu arbeiten.
Der Maler und Grafiker Martin Kreim malt begreifend in diese Welt hinein und schafft ohne jegliche thematische Festlegung durch eine Bloßlegung von Zuständen offene Gegenbilder der Ironie, des Humors unterschiedlicher Konstruktionen. Es fehlt jeder zerstörerische Ansatz im Werk, eher werden seine Bilder zum Gleichnis menschlicher Losgänge in vermeintliche Paradiese, wo der Kunde zum König wird.
Im Jahre 2002 entsteht ein Bild mittlerer Größe, auf dem Martin Kreim einen Seher, einen Suchenden auf dem Dach des Hauses vor kompakter beleuchteter Großstadt aufrichtet, der den Himmel nach einem individuellem Ereignis absucht, das ihn erhebt, in die Gewissheit versetzt, dabei gewesen zu sein. Als schwarze menschliche Silhouette ist er dem hellen Turmhaus gleichgestellt im Bilde, nur der Seher blickt weiter, er besitzt ein verstellbares Fernrohr, wenngleich das aufwärts flutende Licht den Himmel taghell überstrahlt und die Sicht verstellt.
Eine vielzahl der Bilder von Martin Kreim sind bei wechselnder Thematik gleichen Charakters, sie begegnen im Voraus an wechselnden Schauplätzen, und er selbst verweist auf die eigenen Interessen in der Reflexion der Gegenwart.
Es ist die Familie, die er in Szene setzt, Menschen im Garten, auf freiem Felde, Touristen in ihren Sehnsuchtslandschaften, vor allem die strukturell erschlossenen, die von Autoschneisen für jeden schnellen Aufbruch besetzten Feriengebiete sind es. Die gestisch sich entwickelnden Bildstrukturen halten das Bewegungstempo im Werk hoch, spannen die farbigen bildnerischen Kräfte an, um das jeweilige Bildgewordene in seiner künstlerischen Schließlichkeit zu bestätigen oder offen zu halten in der währenden kritischen Suche nach dem wahrhaftigen Ereignis.
Dabei ist auffällig, dass nicht nur das Thema vor der jeweiligen Beeindruckung des Malers vor Ort bestimmt wird, sondern auch durch den variablen Einsatz der Materialien. Es ist nicht ein Expressionismus, den er einmal eingeübt hat, sondern es ist ein ganz und gar konkreter, wo er im eigenen Auftrag die Entscheidung für die jeweilige künstlerische Form trifft.
Das familiäre Umfeld, die persönlichen Beziehungen formt er aus einem starken Gefühl der Nähe, aus einem für ihn wesentlichen sensiblen Wertebereich heraus, und er geht bewusst auf eine objektivierende Distanz, sobald er auf ein gesellschaftliches Phänomen trifft. Das Rote Auto von 2001, ein Bild der Familie auf Reisen, Tereza im Gelb, wo die Tochter des Künstlers auf einem Kipppunkt eines großen weiten Landschaftsraumes gestellt ist oder im Dreifigurenbild Drei ist das hineingetragene Mitgefühl erkennbar. Malt Martin Kreim Agnes, 2000, eine rauchende Frau vor zerschlissener Plakatwand, ein Werk offener Strukturen und Anfänge, so stellt er ein radikales Gegenüber von tatkräftiger Frau und unheiler lärmender Welt ins Bild. Werke gleicher Grundhaltung sind die Body-Bilder, eine Zurschaustellung eigener gezüchteter Körper, ein Bla-Bla-Akt der Selbsterhöhung in verhuschten Kulissen.
Die Vielteiligkeit der Szenerie, der Einsatz grafischer und typografischer Mittel macht die Bilder beredsam und undurchsichtig, surreal geschäftig. Mit den Cheerleaders, der Darstellung der Jubelmädchen auf Sportplätzen, experimentiert Martin Kreim erneut in Varianten, gleichsam im Prozess, den Auftritt der unterhaltenden tönenden Mädchen - als barocken Losbruch im Rausch glühender Farben, als in einer unschärfe sich bewegender nebelhafter Wesen, wie in unwirklicher Wirklichkeit verfügt.
Nach persönlichen konkreten Erlebnissen in der Arbeitswelt dieser Tage begann Martin Kreim ein Werk der Psychologie zu malen, mit einer Auseinandersetzung der offensichtlichen Bedrängnisse arbeitender Menschen, die in einen Glaskasten gesetzt, zur Beobachtung freigegeben sind. mann und Frau sind in ihren Arbeitspflichten auf engsten Raum verordnet, wo die Frau als erste im Versagen steckt, der Mann verliert die Kommunikationsfähigkeit. Es ist bleierne Zeit.
Der Maler versucht diese gläserne Zellenarchitektur in einen Schwebezustand zu versetzen, die sich widerspiegelnden Konstruktionen, Fenster, Möbel und Utensilien verschwören sich ineinander zu einem Ort der Bedrohung. Die präzise Darstellung von Seelenzuständen des Menschen in ihren scheinbar wohlgeordneten Räumen, setzt Martin Kreim mit einem Gartenbild fort, das in dieser klaren Ordnung von Gebäuden, Beeten, Blühen und Gedeihen auf kontaminierten Boden gestellt scheint. Der Mensch steht schemenhaft vor einer Hauswand und ist in Auflösung begriffen, während sich das Gebäude hinter ihm still erhebt.
Wie zum Gegensatz dazu entstehen Interieurstücke mit festlicher schwelgender Ausstattung, Stadtlandschaften feiner flüssiger Malschwünge, Waldbilder, Sichten auf das freie weite Land, wo runde Messpunkte surreale Irritationen vor die Augen stellen. Die Motivation des Künstlers zur Arbeit kommt aus den konkreten Erlebnissen, wo der ständige Themenwechsel bedingt ist. Sind Ferien, walten die Zelte, Wohnwagen, Autos auf den Bildern, die Sehnsuchtslandschaften erhalten den Zuspruch fragwürdiger Gäste aus dem Zwergenland, mit Heinzelmanneifer bis die Wohnstube steht, das konfliktfreie Arkadien strahlt.
Der stets vorhandene Wunsch hoffnungsvolle Bilder zu malen, führt zur persönlichen Umwelt, seien es die Probefahrt, die Porträts der Familie im Garten, beim Spaziergang, die Ferienreise oder die Pferdemalerei, wo er gestalterisch hoch differenzierte Werke schafft.
Selbst als Spiegelbild, 2003 entstanden, vermittelt als Porträt den freiesten Umgang mit sich selbst. Als dunkle Gestalt widerspiegelt er sich in den Fenstern der Balkontür, figuriert wie in einem Grenzfall zwischen Bedrohung und Suche, in einer irdischen Küche wo man geradezu gezwungen ist, sich des Ortes bewusst zu werden, um nicht in diesem klaustrphobisch anmutenden Gang stecken zu bleiben. Die Irritation aber bleibt.
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